BAMBI für den Bundespräsidenten Gustav Heinemann (rechts). Mit ihm freuten sich der damalige Verlagsleiter Hubert Burda (links) und der damalige Chefredakteur der"Bild und Funk", Helmut Markwort
BAMBI für den Bundespräsidenten Gustav Heinemann (rechts). Mit ihm freuten sich der damalige Verlagsleiter Hubert Burda (links) und der damalige Chefredakteur der“Bild und Funk“, Helmut Markwort (c)Luis/HBM

Der „deutsche Oscar“ ist tot, es lebe der „Deutsche Fernsehpreis“! So in etwa lautete die BAMBI-Botschaft für das Jahr 1969. Die als Filmpreis ins Leben gerufene Ehrung wurde endgültig zum Fernseh-Preis umgewandelt. Nur noch TV-Stars erhielten den BAMBI – vermarktet wurde das goldene Reh vom Offenburger Verlagshaus Burda passend zu den neuen Preisträgern als „Der große deutsche Fernsehpreis“. Und diesen Fernsehpreis durften Anfang 1970 gleich 26 (!) Preisträger im Deutschen Museum in München in Empfang nehmen. Unter anderem Peter Alexander, Linda Cristal, Leif Erikson, Inge Meysel, Günther Schramm, Wim Thoelke und Fritz Wepper. Doch weder Peter Alexander noch Inge Meysel sorgten mit ihrem BAMBI-Gewinn für das Jahr 1969 für größeres Aufsehen. Die Schlagzeilen gehörten einzig und alleine einem Mann: Bundespräsident Gustav Heinemann. Heinemann und der „Fernseh-Preis“ BAMBI – auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Auf den zweiten Blick schon, dachte sich zumindest die Jury der Zeitschrift „Bild und Funk“ unter Chefredakteur Helmut Markwort (heute FOCUS-Chef) und verlieh dem Bundespräsidenten einen BAMBI für „kongeniale Erfassung des Mediums Fernsehen.“

Hintergrund: Heinemann hatte schon als Justizminister „auf ungewöhnliche und eindringliche Weise“ die Gedanken der Strafrechtsreform popularisiert, indem er zur Spielhandlung der ZDF-Serie „Familie Mack verändert sich“ als prominenter Moderator die Reformauswirkungen den Leuten vor Augen führte. Außerdem habe Heinemann, so die BAMBI-Jury weiter, während einer Fernseh-Diskussion über Staatsbürgerkunde einem Bonner Gymnasium ein „großartiges Beispiel praktizierter Demokratie gegeben“. Eine ungewöhnliche Auszeichnung, eine ungewöhnliche Begründung, die in der deutschen Presselandschaft ausführlich diskutiert wurde. Darf man einem Bundespräsidenten einen Fernsehpreis übergeben? Die Meinungen gingen weit auseinander. Der „Münchner Merkur“ etwa rieb sich an der Formulierung „einen BAMBI für kongeniale Erfassung des Mediums Fernsehen“: „Was war da bitte kongenial? Halten sich etwa die Fernsehleute für solche Genies, dass sie jemanden kongenial nennen dürfen, der zu ihrer Zufriedenheit über den Bildschirm kommt?“

Am kritischsten ging die „Kölnische Rundschau“ mit der BAMBI -Ehrung für Heinemann ins Gericht. In einer Glosse schrieb Günther Engels: „Bisher titulierte er als Bürgerpräsident. Nun ist er auch noch Fernsehpräsident geworden. Wer? Heinemann natürlich. (…) Da steht er nun, der Hochverehrte, im gemischten Verein mit dem Korrespondenten Gerd Ruge, dem Regisseur Franz Peter Wirth und dem Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau. (…) Was der Engländer Healey für Aachen, das ist der Deutsche Heinemann für Offenburg. Die Burda-Stadt sonnt sich im staatspolitisch aufpolierten BAMBI-Glanz wie Aachen im Renommee von Karlspreis, Printen und Orden wider den tierischen Ernst. Heinemann, geh du voran!“ Diese Glosse bereitete „Bild und Funk“-Chef Helmut Markwort keine Freude. Im Gegenteil. Er druckte die Glosse in seiner Zeitschrift ab – samt darauffolgendem Briefwechsel zwischen ihm und dem Glossen-Autor Engels. Markwort wies süffisant darauf hin, dass die Redaktion der „Bild und Funk“ seit drei Jahren bereits in München und nicht mehr in Offenburg säße, wehrte sich gegen die abschätzige Behandlung der BAMBI-Sieger Ruge, Wirth und Cousteau und betonte, dass die Jury „aus voller Überzeugung und mit bestem Gewissen“ einen BAMBI an Heinemann verliehen habe, „weil er für den Stil von Politikern im Fernsehen neue Maßstäbe gesetzt“ habe. Markworts Schlusswort: „Wer nicht begreift, dass Fernsehen Politik und Musical ist, Reportage und Theater, Information und Unterhaltung, der sollte nicht über dieses Medium schreiben.“

Punkt. Das saß. Eigentlich. Doch nicht mit Günther Engels. Der schrieb Markwort einige markige Worte zurück: „Und nun, verehrter Herr Markwort, wollen wir einmal Tacheles reden. Ich nehme Ihr BAMBIlein ebenso wenig wichtig wie die Trophäen, welche die übrigen Programmzeitschriften landauf, landab an mehr oder minder Verdiente verleihen. Aber dass Sie Ihre ,volle Überzeugung’ bemühen, wo es in Wahrheit um einen Public- Relations-Knüller geht – das finde ich beschämend. Für rührige Werbezwecke ist Ihnen ,unser verehrter Bundespräsident’ gerade hochstehend genug. Glauben Sie im Ernst, die Öffentlichkeit durchschaue nicht den Trick, wie hier das deutsche Staatsoberhaupt als Reklamefigur für Ihr Blatt herhalten soll?“ Bemerkenswert ist, dass Helmut Markwort sich nicht scheute, auch diesen Brief für seine „Bild und Funk“-Leser abzudrucken, damit jeder sich objektiv seine eigene Meinung zum Thema „Fernsehpräsident Heinemann bilden konnte.

Text: Rüdiger Klausmann

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