Bambi

Stories

Als dem Senator der Kragen platzte

Bambi-Feier 1964: Heinz Rühmann kam mit Ehefrau Hertha Feiler und Ruth Leuwerik (links).

Bambi-Feier 1964: Heinz Rühmann kam mit Ehefrau Hertha Feiler und Ruth Leuwerik (links).

Eigentlich war alles perfekt. Der Offenburger Verleger Franz Burda veranstaltete zum ersten Mal nach dem Kauf der Karlsruher „Film-Revue“ (die er sogleich mit der ebenfalls erworbenen FREUNDIN zusammenlegte) „sein“ BAMBI- Fest. Rauschend, sensationell und glamourös sollte die 16. BAMBI- Verleihung in der Karlsruher Schwarzwaldhalle werden. Wie immer wählten die Leser der Zeitschrift „FREUNDIN mit Film-Revue“ im Vorfeld ihre Lieblingsschauspieler für das abgelaufene Jahr 1963. Liselotte Pulver, Heinz Rühmann, Sophia Loren und Charlton Heston hießen die Sieger. Den Nachwuchs-BAMBI hatte Burda wieder abgeschafft. Weil sich Karlsruhe als Austragungsort der BAMBI- Verleihung etabliert hatte, wollte Franz Burda dies nicht ändern, obwohl er Karlsruhe kritisch gegenüberstand: „Es ist viel leichter und billiger, eine solche Veranstaltung in München aufzuziehen als in einer Stadt ohne Flugplatz und ausreichende Hotels“, so der Senator. Doch der Tradition willen blieb Burda mit der BAMBI-Verleihung in Karlsruhe – er nahm aber einige Veränderungen an dem Festablauf vor. Zum Beispiel lud er im April 1964 die prominenten BAMBI-Gäste am Abend vor der Verleihung nach Offenburg ins Druck – und Verlagshaus zur Weinprobe ein. Außerdem etablierte er bei der BAMBI-Gala erstmals einen großen musikalischen Show-Act und ließ Ella Fitzgerald, die beste Jazzsängerin der Welt, 55 Minuten lang ihr begeistert gefeiertes Programm darbieten. Bambi-Siegerin Sophia Loren war so aus dem Häuschen, dass sie Fitzgerald spontan ihren eigenen Rosenstrauß überreichte und sich noch Tage später per Telegramm bei Franz Burda für „die schönste BAMBI-Kundgebung“ bedankte, „an der ich je teilgenommen habe“.

Doch für die größte und meistdiskutierte Neuerung sorgte Senator Franz Burda höchstpersönlich. Der Offenburger Verleger hatte bereits vor der BAMBI- Verleihung im kleinen Kreis angekündigt, dass er vorhabe, „die sensationellste Rede“ zu halten, „die je über den deutschen Film gehalten wurde“. Eine Rede, die, so Burda, „bewusst provozieren sollte“. Und sein Ziel erreichte Franz Burda definitiv. Die Rede provozierte. Burda sagte unter anderem, dass der Oscar aus sozialen und rassischen Gründen verliehen werde, bei BAMBI aber das Volk spreche. Er kritisierte das Fehlen von Bundesinnenminister Hermann Höcherl und verurteilte, dass der Film „Das schwarz-weiß-rote Himmelbett“ kein Prädikat bekommen habe, der Schwedenfilm „Das Schweigen“, laut Burda „eine Spitzenleistung der Pornographie“, indes sehr wohl. Weiter polterte Burda: „Den deutschen Film trifft an seiner schweren Krise keine Schuld. Das Fernsehen ist schuld.“ Burda schimpfte laut Münchner „Abendzeitung“ im Anschluss auf die Entwicklungshilfe, pries europäische Genien und deutsche Denker und Erfinder, verlangte die Hilfe der Bundesregierung für den deutschen Film und brach sodann in den Ruf aus: „Es lebe der deutsche Film! Es lebe Karlsruhe, das die Hauptstadt des deutschen Films werden sollte.“ Die bundesdeutsche Zeitungslandschaft lobte Burda für die Art, „wie er dem etwas müde gewordenen BAMBI-Reh auf die Sprünge half“ („Berliner Zeitung“).

Und Burdas Rede war noch Wochen danach die meistdiskutierte Rede der letzten Zeit. Doch ausgerechnet in Karlsruhe, der Stadt, die Burda zur Filmhauptstadt ausgerufen hatte, wollten sich keine Lobeshymnen einstellen. Nein, die „Badischen Neuesten Nachrichten“ kritisierten das BAMBI- Fest für seine „mangelnde Organisation“, mäkelten daran herum, dass Stars mit dem Bus nach Offenburg zur Weinprobe „verfrachtet“ wurden und schrieben über Burdas Rede: „Man kann nicht die Amerikaner vor den Kopf stoßen, wenn auf der Bühne ein US-Orchester sitzt, man kann nicht Filmorganisatoren angreifen, wenn man selbst eine Filmzeitschrift herausgibt, man kann sich nicht mit den Kirchen, dem Staat, dem Fernsehen, den Entwicklungshilfe- Staaten anlegen und wie ein Elefant im Porzellanladen mehr kaputtmachen, als je wieder gutzumachen ist. Undiplomatischer geht es nicht mehr.“ Und das Fazit der Karlsruher Lokalzeitung: „So wie die Dinge jetzt liegen, ist das goldene Reh in eine üble Sackgasse geraten. Es sollte schleunigst kehrt machen.“

Als Senator Franz Burda das las, platzte ihm der Kragen und er veröffentlichte zig Dankschreiben von Gästen der BAMBI-Verleihung und eine lange persönliche Stellungnahme, die in dem Fazit gipfelte: „Außer der Schwarzwaldhalle und dem tüchtigen Oberbürgermeister gibt es gar nichts, was ein solches Filmfestival in Karlsruhe rechtfertigt. Wenn dann die heimische Presse dieses Geschenk an die Karlsruher Bevölkerung in den Dreck zieht, dann vergeht dem Veranstalter die Lust, seine ungeheuren Bemühungen und finanziellen Opfer noch einmal einer solchen Unsachlichkeit auszusetzen.“ Burdas Fazit: „Das Reh macht kehrt. Es wird nicht mehr nach Karlsruhe zurückkommen. Karlsruher Journalisten haben es vertrieben.“ Senator Franz Burda machte seine Drohung wahr. Im Jahr darauf fand die BAMBI-Verleihung erstmals in München statt.

Text: Rüdiger Klausmann

Pin It